Ein bisschen Bohème in Alt-Saarbrücken: „Die konkrete Utopie“

„Individueller geht es nicht“ steht auf dem Flyer, den uns „Die konkrete Utopie“-Inhaber Giovanni in die Hand gibt, als wir ihn auf sein Lokal ansprechen. Nach unserem Besuch können wir sagen: Wirt und Lokalität in der Hohenzollernstraße sind genauso einzigartig wie der Name der Gastätte. Wir trafen uns zum Mittagstisch vor Ort.

„Die konkrete Utopie“ in der Hohenzollernstraße

Als wir das Lokal betreten, sehen wir Vertäfelungen aus rotlackiertem Holz an der Wand, an deren oberen Enden der Abschluss als Regalbrett dient für Tomatensaucen, Essig, Öle, Weine, eingelegte Pilze („Funghi misti“) und Präsentkörbe mit italienlischen Delikatessen, die zum Verkauf angeboten werden. Das Interieur unterstreicht den avantgardistischen Charakter, der sich schnell einstellt: Von Sitzmöbeln und Tischen Marke „altes Gasthaus“, über Wanddekoration und Ölgemälde mit Industriekultur-Motiven einer Saarbrücker Künstlerin (die Kunst wechselt alle zwei Monate), Diplome der Universität Pisa, Weinregale, auf denen italienische Würste zum Verkauf ausgestellt werden, bis hin zu einer kleine Theke, Faden-Vorhängen und italienischem Hip Hop. Es wirkt, als befinde man sich irgendwo zwischen Salon alternativer Bohème und der Wohnzimmeratmosphäre eines gutbürgerlichen Esslokals.

Die Wirtschaft bietet als Mittagstisch an Werktagen verschiedene Zwei-Gänge-Menüs für 10 Euro an. Dazu gibt es regelmäßig Themenabende mit Live-Musik, Kochkursen, Wein- und Schokoladenproben oder Show-Cooking. Eine hohe Nachfrage gebe es nach privaten Feiern und Events. Angesprochen auf sein kulinarisches Angebot erklärt uns der Wirt, dass er vorwiegend auf frische Produkte setzt: „Wir verfolgen das Marktkonzept. Ich schaue mir an, was der Markt zu bieten hat, und danach plane ich unsere Wochenkarte. Wenn ich also ein schönes Schweinefilet sehe, dann kaufe ich das und gestalte entsprechend mein Angebot.“ Wir entscheiden uns für je einen Vorspeisensalat und ein Pasta-Wochengericht. Eine vorzügliche Wahl.

Vorspeisensalat mit Tomaten, Käse, Zwiebeln und Balsamico-Dressing in „Die konkrete Utopie“
Pastagericht mit deftiger Salsiccia-Wurst in „Die konkrete Utopie“

Wirt Giovanni stammt aus Kalabrien und hat in Italien Jura studiert. 2003 kam er nach Saarbrücken, um hier das Zweite juristische Staatsexamen in deutschem Recht zu absolvieren. „Das war mir zu schwierig, da habe ich mich für meine Leidenschaft entschieden: die Gastronomie.“ Schon bald fand er über eine Anzeige im „Findling“ die Gaststätte in der Hohenzollernstraße, die seit 1954 als Kneipe geführt worden war und deren ehemalige Wirtin gerade erst im Alter von 99 Jahren verstorben ist. „Hier war es damals wie in der Bronx“, ergänzt der Kalabrier. „Nachdem wir Stühle draußen aufstellten, mussten wir die Polizei anrufen. Da wurde es gefährlich.“ Entsprechend schwierig sei das Geschäft in den ersten Jahren gewesen. „Ich musste erst lernen, wie die Sachen im Saarland laufen.“ Wir fragen, ob er das inzwischen herausgefunden habe. Der Wirt entgegnet uns ironisch lächelnd: „Ein bisschen so wie in Italien.“

Heute sei das Viertel stark im Wandel, das merke man an der Kundschaft: „Aus der Nachbarschaft in Alt-Saarbrücken kommen viele Studenten zu uns. Man merkt auch, dass Malstatt im Trend liegt. Von dort kommen auch immer mehr Kunden.“ Alle zwei Monate pflegt der Kalabrier seine Kontakte nach Italien und schließt den Laden, um Freunde und Familie zu besuchen. Seine Eltern freuen sich über seinen Erfolg und besuchen ihn und seine Frau, die aus dem Schwarzwald stammt, häufig in Saarbrücken.

Gemütlicher Mittagstisch in „Die konkrete Utopie“

Wäre da noch die Frage nach dem Namen des Lokals. Giovanni hat ihn der Philosophie Ernst Blochs entlehnt. Konkrete Utopie ist das tendenziell Mögliche, ein besserer Zustand, auf den Giovanni hinarbeitet. „Es ist wie die perfekte Carbonara“ – vielleicht unerreichbar, aber ein lohnendes Ziel. Ist Giovanni etwa Sozialist? „Nein“, sagt er, aber Künstler und Utopist. „Ich lebe zwar wie ein Künstler, aber ich kann nicht in die Künstler-Sozialversicherung einbezahlen.“

Die konkrete Utopie
Hohenzollernstr. 79
66117 Alt-Saarbrücken
www.diekonkreteutopie.de

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